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Der vergessene Krieg
Korea 1950-1953

Olzog Verlag, München 2006.
247 S. m. 4 Ktn.-Skizz. u. 6 Faks. im Text sowie 93 Fotos auf Taf.

2. Auflage 2009

"...packende Erzählung", Detlev Mares
"..fesselnde Erzählung", Reiner Blasius
"..außerordentlich klar und übersichtlich", Gerhard Wettig
"One can only express admiration", Bernd Bonwetsch
"..spannend geschrieben", Werner Ripper
"..ebenso konzise wie präzise Studie ..., äußerst lesenswert", Jörg von Bilavsky, Das Parlament, 18.2.2008,S.14. Volltexte siehe unten

Inhalt

Der Koreakrieg begann im Morgengrauen des 25. Juni 1950 mit dem Angriff der nordkoreanischen Kommunisten auf den Süden. Er dauerte drei Jahre und kostete Millionen Menschen das Leben – unter ihnen 37.000 Amerikaner. Der Konflikt wurde zum „Wendepunkt des Kalten Krieges“ (US-Präsident Truman), mehrmals geriet die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Trotz seiner Bedeutung wurde der Krieg in den USA schon bald zum „vergessenen Krieg“, der zwischen dem „guten“ Zweiten Weltkrieg und dem „schlechten“ Vietnamkrieg stand.

Ähnliches gilt auch für Deutschland – trotz seiner Bedeutung für dieses Land (v. a. Wiederbewaffnung und wirtschaftlicher Wiederaufstieg). So gab es bislang keine Gesamtdarstellung in deutscher Sprache. Das wird hiermit auf der Basis neuester Quellen aus östlichen und westlichen Archiven nachgeholt. Es geht um die Teilung des Landes, die Rolle Stalins, Kim Il Sungs und Mao Tse-tungs, die überraschend schnelle und massive Reaktion der USA, Washingtons Entscheidung, Korea wiederzuvereinigen, die Intervention Rotchinas, um General Douglas MacArthur und um die langfristigen Folgen dieses Krieges.

Ergänzt wird die Darstellung durch 93 einzigartige Bilder, die die Dramatik und Bedeutung der Ereignisse eindrucksvoll dokumentieren, sowie durch sechs Faksimiles und vier Karten.

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Einleitung als PDF Dokument

Rezensionen

Marcus Heumann, Deutschlandfunk, Politische Literatur, 24. 7. 2006, 19.15-19.45 Uhr:
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(der_vergessene_krieg.mp3)
Textversion:
Ausgangspunkt des Wettrüstens. Darstellung über den Koreakrieg.

Rainer Blasius in: FAZ, 18.7.2006.
Detlev Mares in: Geschichte, Politik und Didaktik 34 (2006), Heft 3/4, S. 338 f.
Gerhard Wettig in: H-Soz-u-Kult, 23.11.2006.

Gerhard Wettig in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 66 (2007), Heft 1, S. 248ff.

Bernd Bonwetsch in: Journal of Cold War Studies 9 (2007), pp. 136f.

Werner Ripper in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 73 (2007), S. 95f.


siehe auch Audio/Video:

Fernsehdokumentation:
Drei Jahre, die die Welt bewegten: Koreakrieg und deutsche Wiederbewaffnung,
ARD 1980, WDR 2003, Farbe, (60 Min)
(video_logoVideo, 6MB)
Hörfunkfeature:
Probefall Korea? Koreakrieg und deutsche Wiederbewaffnung, Deutschlandfunk, Bayerischer Rundfunk, 24.6.1980; Deutschlandradio, 2003.
logomp3(probefall_korea.mp3)

Zum Thema

Korea 1950–1953

Der vergessene Krieg

Der Krieg begann an einem Sonntag, im Morgengrauen des 25. Juni 1950. Um 4.00 Uhr eröffneten die Nordkoreaner mit Haubitzen und Mörsern entlang des 38. Breiten- grades das Feuer. Dann traten auf der etwa 200 Kilometer langen Front zwischen dem Gelben und dem Japanischen Meer sieben Infanteriedivisionen und eine Panzerbrigade mit 150 sowjetischen T 34-Panzern, unterstützt von Jagdflugzeugen, zum Angriff an, zusammen etwa 120.000 Mann.

Der Überfall Nordkoreas auf den Süden des Landes wurde von den USA als ein Stellvertreterkrieg und Beginn einer von der Sowjetunion gesteuerten globalen kommunistischen Offensive interpretiert. Mithin stand – mit den Worten von US-Außenminister Dean Acheson – "die Zukunft der gesamten freien Welt auf dem Spiel". Für ihn war Korea ein "Wendepunkt der Geschichte", für US-Präsident Truman "das Griechen- land des Fernen Ostens". Alle in dem berühmten Memorandum NSC 68 formulierten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen. Entsprechend entschlossen reagierten die USA. Dies geschah unter dem Schirm ("umbrella") der UNO als "Polizeiaktion", wie Truman das nannte – ein Ausdruck, für den er später scharf kritisiert wurde. Es gab jedenfalls keine Kriegserklärung. Begründet wurde das damit, dass ab dem 25. Juni Entscheidungen schnell getroffen werden mussten, eine Diskussion über eine Kriegserklärung die Dinge nur verzögert hätte. Es war im Übrigen das letzte Mal, dass eine solche Intervention ohne vorherige Zustimmung des Kongresses durchgeführt wurde. (Für die Intervention in Vietnam gab es 1964 die "Tonking-Resolution", für den Krieg selbst auch keine Kriegserklärung. Es sollte ein "begrenzter Krieg" bleiben und wurde ein "all-out limited war" [ein totaler, begrenzter Krieg] – ein Widerspruch in sich selbst. Die Militärs kritisierten das später – wie einige auch in Korea.)

Als der Überfall auf Südkorea erfolgte, sah sich Truman in einer Lage, in der ihm Tatenlosigkeit oder alles, was weniger war als der direkte Einsatz amerikanischen Militärs, von seinen Gegnern im Kongress und im Lande sofort als Verrat angelastet worden wäre. Truman und seine Mitarbeiter interpretierten den Angriff als Beginn einer großangelegten, globalen, von Moskau gesteuerten kommunistischen Offensive. Als nächste mögliche Ziele wurden genannt: Indochina, Burma, Malaya, Jugoslawien, Persien und Deutschland. Demnach stand die Zukunft der gesamten freien Welt auf dem Spiel. Es galt daher, der kommunistischen Aggression in Korea entschlossen entgegenzutreten. Der 25. Juni wurde so etwas wie ein "Pearl Harbor" des Kalten Krieges. Truman befahl am 27. Juni den Einsatz amerikanischer Luft- und Seestreitkräfte. Dieser Beschluss wurde im vollen Bewusstsein des damit verbundenen Risikos eines Krieges mit der Sowjetunion getroffen.

Im Koreakrieg gab es alles, was einen Krieg ausmacht – wenn man das so formu- lieren darf – und noch mehr: Siege, Niederlagen – November/Dezember 1950 "the longest retreat in US military history", wie McCullough das nannte – ,mindestens zweimal die Gefahr eines Atomeinsatzes, Kriegsverbrechen, Massaker, den Konflikt zwischen Oberbefehlshaber und General – Truman und MacArthur – , zum ersten und einzigen Mal die Ausrufung des Nationalen Notstandes in den USA.

Der Koreakrieg blieb zwar ein "begrenzter Krieg", hatte aber dennoch gravieren- de Konsequenzen für Korea. Sehr viel gravierender aber waren die Konsequenzen für die weitere Entwicklung des Kalten Krieges. Hier kann seine Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war "der Wendepunkt des Kalten Krieges", wie Truman es in seiner Abschiedsrede am 15. Januar 1953 formulierte. Im Einzelnen bedeutete er:

Unmittelbar für die Menschen:
1. EsgibtkeineexaktenZahlenüberdiekoreanischenundchinesischenVerluste,

aber Folgendes lässt sich wohl sagen: Südkorea verlor etwa eine Million Men- schen (Soldaten und Zivilisten), Nordkorea 2,5 Millionen und China eine Mil- lion (darunter auch Maos Sohn, der am 25. November 1950 bei einem Bom- benangriff auf Pjöngjang ums Leben kam). Die Alliierten (ohne USA; s. dazu unten 17.) beklagten 3.960 Tote. Darüber hinaus gab es Millionen Flüchtlinge. Bis Juni 1950 waren bereits 3,5 Millionen Menschen aus dem kommunistischen Norden in den Süden geflüchtet, von Dezember 1950 bis Januar 1951 folgte eine weitere Million (bei einer Gesamtbevölkerung Nordkoreas von 9,5 Millionen). General Ridgway meinte damals, das sei wohl "die größte Tragödie, die Asien jemals erlebt hat".

Für Korea:
2. Zwei Fünftel der Industrieanlagen und ein Drittel aller Wohnungen in ganz Ko-rea waren zerstört. Seoul wurde mehrmals besetzt und zurückerobert. Südkoreas Hauptstadt war Ende Juni 1950 erstmals von Kommunisten erobert worden; die meisten Bewohner waren geflüchtet. Als es Ende September wieder befreit wurde, hatten die Kommunisten alle Männer von 15 bis 40 Jahren und alle Frauen von 16 bis 25 Jahren, die geblieben waren, verschleppt. Im Januar und März 1951 erlebte Seoul dieses Schicksal erneut. Am Ende des Krieges war die Stadt weitgehend zerstört, genauso wie Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang. Das Land war als "Opfer" des Kalten Krieges 1948 geteilt worden und ist es bis heute.

Für das amerikanisch-chinesische Verhältnis:
3. Der Krieg vergiftete für Jahrzehnte – bis zum Besuch von US-Präsident Richard Nixon 1972 – die Beziehungen und zwang Peking für lange Zeit an die Seite Moskaus, was offensichtlich von Anfang an Stalins Absicht gewesen war.

Für Tschiang Kai-schek:
4. Er war und blieb der Verbündete der USA, gesichert u.a. durch die 7. US-Flotteund ein Sicherheitsabkommen, das Maos Pläne einer Invasion der Insel zunichte machte. Das Militärbündnis wurde erst 1979 von US-Präsident Jimmy Carter gekündigt.

Für Japan:
5. Der Krieg war "ein Geschenk der Götter", wie der japanische Ministerpräsi-dent Shigeru Yoshida 1951 meinte. Japan wurde zum wichtigsten Verbündeten der USA in Asien; es erhielt im September 1951 einen moderaten Friedens- vertrag; gleichzeitig wurde ein Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Japan unterzeichnet, der auch Japans Wiederbewaffnung vorsah. Während des Krieges wurde der Grundstein für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg des Landes gelegt. Allein für die UN-Truppen in Korea lieferte Japan für mehr als 3,5 Milliarden Dollar Material.

Für das kommunistische China:
6. Mao musste seine Pläne für die Eroberung Formosas definitiv zu den Aktenlegen.
7. Wachsendes Misstrauen Maos gegenüber Stalin wegen mangelnder Unter-stützung (Rüstungsgüter mussten von China bezahlt werden); Beginn jenes Schismas zwischen Moskau und Peking, das Anfang der sechziger Jahre offen ausbrach.

8. Nach dem Ende der Kämpfe wurden Kräfte frei, um Ho Chi Minh in Indochina im Kampf gegen Frankreich zu unterstützen.

Für die Sowjetunion:

• Stalin zwang den osteuropäischen Staaten im Januar 1951 in Moskau ein gigantisches Rüstungsprogramm auf, was sie u.a. in größere Abhängigkeit zur Sowjetunion brachte. (Das war sozusagen das sowjetische Gegenstück zu NSC 68.) Für die DDR begann diese Entwicklung im April 1952.
• Offensichtlich hat Stalin beabsichtigt, 1951 Jugoslawien anzugreifen. Nach den Koreaerfahrungen und der Reaktion der USA wurden diese Pläne nicht realisiert (s. auch 25. und 27.).
Für Deutschland und Europa:
11. Durch die Ernennung von General Dwight D. Eisenhower zum Oberbefehls-haber der NATO im Dezember 1950 wurde aus dem "Papiertiger" NATO erst ein wirkliches Militärbündnis. Im Februar 1952 wurden Griechenland und die Türkei Mitglieder des Bündnisses, die Sollstärke auf 100 Divisionen angehoben.

• Wohl am wichtigsten war die Grundsatzentscheidung der Westalliierten zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland, die ohne den Koreakrieg keinesfalls bereits im Dezember 1950 gefallen wäre. Damit verbunden war die Verlegung der Verteidigungslinie vom Rhein an die Elbe. Die USA nutzten den Krieg, um die zögernden Briten und vor allem Franzosen von der Notwendigkeit einer deutschen Wiederbewaffnung zu überzeugen. Bundeskanzler Konrad Adenauer nutzte die Gunst der Stunde und die Furcht vor einem deutschen Korea. So war dieser Krieg wenn schon nicht der "Vater", so doch zumindest der "Geburtshelfer" der Bundeswehr.
• Die Förderung des wirtschaftlichen Aufschwungs der BRD ("Wirtschaftswunder") – ähnlich wie in Japan. Schon wenige Wochen nach Beginn des Krieges war Hochkonjunktur in Westdeutschland. Der Krieg in Asien verhalf der west- deutschen Industrie zu einem Boom. Ein Beispiel: Allein von Juli bis September 1950 stieg die Produktion um mehr als 20 Prozent – und dies trotz einiger Engpässe bei Kohle und Stahl. Demontagestopp und die Aufhebung damals noch bestehender alliierter Wirtschaftsbeschränkungen taten ein Übriges. Deutsche Güter waren auch im Ausland gefragt. Während sich die US-Wirtschaft auf die profitable Produktion im eigenen Land konzentrierte, konnte die deutsche Exportwirtschaft angesichts des wachsenden Weltbedarfs an Waren durch Weltkrieg und Nachkriegszeit verloren gegangene Märkte im Ausland zurückerobern. Die Arbeitslosigkeit sank auf den tiefsten Stand seit der Währungsreform im Jahre 1948.
• Dauernde Stationierung von US-Truppen in Europa und verstärkte Militärhilfe der Partner.
Für die UNO:
15. Der Koreakrieg war die erste Militäraktion der UNO.
16. Mit der Resolution "Uniting for Peace" vom November 1950 wurde eine grundsätzliche Neuerung eingeführt, die auch für die Zukunft galt. Für den Fall, dass der Sicherheitsrat durch ein Veto blockiert war, konnte eine Entscheidung an die Generalversammlung delegiert werden. Diese war dann berechtigt, bei Friedensbrüchen Empfehlungen für Kollektivmaßnahmen, darunter auch für den Einsatz bewaffneter Kräfte, abgeben zu können.

Für die USA:
17. Fast drei Millionen Soldaten (einige Quellen sprechen von fünf bis sechs Mil-lionen) taten Dienst in Korea, 36.914 von ihnen wurden getötet (nicht 54.246; diese vielfach noch heute kolportierte Zahl – u.a. ist sie auch auf dem 1995 in Washington errichteten Memorial eingemeißelt – wurde in der offiziellen "Statistical History of the United States" genannt und ist durch zwei Fehler entstanden: 1. alle Vermissten [Missing in Action, MIA] wurden doppelt, und 2. alle "anderen Toten" waren weltweit für die Zeit des Krieges gezählt worden; auf der offiziellen Website des Pentagon wurde noch im Jahre 2003 die Zahl 36.570 angegeben), 103.284 verwundet. (Zur Zahl der Toten: 36.914 in drei Jahren, in Vietnam 58.135 in acht Jahren.)

• Verwicklung in Indochina/Vietnam. Die Vereinigten Staaten verstärkten ihre Militärhilfe für Frankreichs Krieg in Indochina. Truman kündigte das bereits in seiner Erklärung am 27. Juni 1950 an. Am selben Tag wurden 35 Militärberater nach Saigon geschickt, am 30. Juni landeten dort acht C-47 Transportmaschinen mit Militärgeräten an Bord. Die "Voice of America" (VoA) strahlte Sendungen in vietnamesischer Sprache aus; am 26. Juli erhielt Frankreich 15 Mio. Dollar; im September 1950 wurde eine "Military Assistance Advisory Group, Indochina" (MAAG) eingerichtet. Dem folgte im Dezember 1950 ein Verteidigungsabkommen mit Frankreich, Vietnam, Kambodscha und Laos. Die Militärhilfe für Frankreich stieg von 100 Mio. Dollar im Jahre 1950 auf 300 Mio. 1952 bis 1 Mrd. 1954, d.h. 80 Prozent der Kosten des Indochina-Krieges wurden von den USA übernommen. Nach dem Waffenstillstand 1953 verstärkte Mao, wie auf westlicher Seite befürchtet, die Unterstützung für Ho Chi Minh. Die Niederlage Frankreichs ein Jahr später war nicht aufzuhalten (trotz der insgesamt etwa 3 Mrd. Dollar Unterstützung). Von da an führte Amerikas Weg beinahe direkt in den Vietnamkrieg.
• 1954 wurde in Asien das Gegenstück zur NATO (North Atlantic Treaty Organization) gegründet, der Südostasiatische Verteidigungspakt SEATO (South East Asia Treaty Organization), nach dem ANZUS-Pakt (Australia–New Zealand– USA) zwischen Australien, Neuseeland und den USA vom September 1951. In gewisser Weise gehörte seit 1955 auch der Mittelost-Verteidigungspakt METO (Middle East Treaty Organization) dazu, auch als CENTO (Central Treaty Organization) bzw. Bagdhad-Pakt bekannt; Mitglieder: Irak, Türkei, Pakistan, Iran, Großbritannien; ab 1958 auch USA).
• Massive Aufrüstung mit dem Ziel strategischer Überlegenheit ("preponderance of power") gegenüber der Sowjetunion. (Mit Entwicklung des "militärisch- industriellen Komplexes", vor dessen Machtanspruch und Auswirkungen Präsident Eisenhower am Ende seiner Amtszeit in seiner "Farewell Address" am 17.1.1961 warnte.) NSC 68 war die Grundlage für diese Entwicklung. Erst mit dem Koreakrieg konnte NSC 68 umgesetzt werden. Allein im ersten Jahr 1950/51 wurde der Verteidigungshaushalt von 13,5 auf 52 Mrd. Dollar vervierfacht. Das strategische Luftwaffenkommando SAC (Strategic Air Command) ließ den Düsenmittelstreckenbomber B-47 bauen – mit dem notwendigen Tankflugzeug KC-135 –, Vorläufer der späteren Boeing Zivildüsenflugzeuge. Die B-47 war das Rückgrat von SAC in den Fünfzigern (dann wurde der Langstreckenbomber B-52 gebaut), mit dem die Operation BRAVO durchgeführt werden konnte: die Zerstörung der sowjetischen Erstschlagkapazität und Rüstungsindustrie, d.h. die Vernichtung der Sowjetunion mit einem Schlag. Im Oktober 1953 billigten die Stabschefs das SAC-Programm: in Maine im Nordosten der USA würden die schweren Bomber starten und 20 Atombomben im Gebiet Moskau – Gorkij abwerfen; in Labrador würden Mittelstreckenbomber starten und 12 Bomben auf Leningrad abwerfen; andere aus Großbritannien über das Mittelmeer fliegen und 52 Bomben im Wolgau-Donez-Becken abwerfen; weitere Bomber sollten auf den Azoren starten und 15 Bomben im Kaukasus abwerfen; Bomber aus Guam 15 Bomben auf Wladiwostok und Irkutsk abwerfen. Vorstudie dieses Programms war das Projekt "Control": Durch geheime Überflüge über die Sowjetunion sollte Moskau eingeschüchtert und
• a) zur Abrüstung,
• b) zur Aufgabe seiner Satellitenstaaten und seines kommunistischen Expansionsstrebens, und
• c) zur Auflösung des Bündnisses mit Peking gezwungen werden.
• Die Militärs akzeptierten dieses Projekt, die Politiker, allen voran Außenminister John Foster Dulles, lehnten es ab. Dennoch baute der Leiter von SAC, General Curtis LeMay, SAC weiter aus – immer bereit auch zum Erstschlag. Im April 1956 machte LeMay – Spitzname "Mr. Atom Bomb" – in einer geheimen Rede vor dem US-Naval War College klar, was bei einem Gegenschlag nach einem Angriff der Sowjetunion geschehen würde:
"Dann wird die Sowjetunion zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang aufgehört haben, eine große Militärmacht und eine große Nation zu sein. Es wird ein Land übrig bleiben, das unendlich ärmer ist als China, mit weniger Menschen als die USA, die auf Generationen hinaus dazu verdammt sein wer- den, ein erbärmliches Dasein zu fristen."

Seit dem 4. Juli 1956 führten die USA mit der U-2 in großer Höhe Spiona- geflüge über der Sowjetunion durch. Im September 1961 gelangte der ame- rikanische Geheimdienst zur Erkenntnis, dass das sowjetische Frühwarnsystem gegenüber tief fliegenden Bombern nahezu wirkungslos war. 21 solcher Bomber hätten demnach die 42 sowjetischen Raketenabschussbasen zerstören und die Sowjetunion praktisch wehrlos machen können – bei relativ geringen zivilen Opfern. Nach dem Abwurf der ersten amerikanischen Bomben würden die Sowjets bis zu drei Stunden benötigen, um ihre Interkontinentalraketen abschussbereit zu machen – mehr als genug Zeit für die SAC-Bomber, sie zu zerstören. Zur Zeit der Kubakrise im Jahr 1962 hatten die USA ein strategisches Übergewicht gegenüber der Sowjetunion von 17:1. Es gab bis Anfang der Sechziger die nukleare Option und bis zu diesem Zeitpunkt mehrmals das berühmte "window of opportunity", wo die USA ihre nukleare Überlegenheit hätten ausspielen können, um die Sowjetunion zu vernichten. Im Koreakrieg war diese Option für einige Politiker und Militärs – allen voran MacArthur – besonders verlockend, da die Sowjetunion keine Möglichkeit zum Zweitschlag hatte. Das galt besonders im kritischen Winter 1950/51, dann 1953 unter Ei- senhower. Die sich aus dem Koreakrieg entwickelnde Strategie der "massiven Vergeltung", d.h. Einsatz der Atomwaffen, da man damit einfach "mehr für's Geld bekam" ("a bigger bang for the buck"), wurde allerdings von amerika- nischen Politikern zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Erwägung gezogen. Ob Eisenhower 1953 Atomwaffen in Korea eingesetzt hätte, darf auch bezweifelt werden. Einen Vorschlag von Syngman Rhee im Jahre 1954, mit Atomwaffen gegen Nordkorea vorzugehen, lehnte er entschieden ab. Die Armee wurde von Juni 1950 bis Juni 1954 von 1,46 Mio. auf 3,55 Mio. Mann vergrößert. Die Zahl der im Ausland stationierten Truppen stieg in dieser Zeit von 280.000 auf 963.000. Die Marine wurde ausgebaut, beginnend mit Flugzeugträgern (der erste war die USS Forrestal). Die Inflation wurde auf niedrigem Stand gehalten, weil die US-Wirtschaft in etwa in derselben Größenordnung wie der Ver- teidigungshaushalt wuchs. In diesem Zusammenhang muss wohl auch die im Oktober 1952 gegründete National Security Agency (NSA) erwähnt werden, mit der Aufgabe, Nachrichtenverbindungen abzuhören.

• Auch im atomaren Bereich gab es gravierende Veränderungen. Mit der Verlegung von B-29 Bombern nach Okinawa und Guam, die einsatzfähige Atombomben an Bord hatten, war Truman im April 1951 den Wünschen der Stabschefs – die seine Entscheidung, MacArthur zu entlassen, unterstützten – entgegengekommen. Er hatte den Vorsitzenden der zivilen Atomenergiebehörde (Atomic Energy Commission, AEC) angewiesen, neun einsatzbereite Atombomben für die Air Force herauszugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt unterstand das Atomwaffenprogramm der Verfügungsgewalt der AEC. Jetzt begann die Auflösung dieser zivilen Kontrolle – bis das Pentagon die Atomwaffen übernahm.
• McCarthyism: Der Koreakrieg löste in den USA apokalyptische Ängste vor einer kommunistischen Weltverschwörung aus. Das innenpolitische Klima wurde auf Jahre vergiftet. Es begann die Periode des McCarthyismus: die antikommunistische Hexenjagd, angetrieben vom republikanischen Senator aus Wisconsin, Joseph McCarthy. Dessen "Karriere" endete zwar im Dezember 1954, aber sein "Erbe" zeigte später Wirkung: Kein Politiker in Washington war bereit oder konnte es sich "leisten", Länder in Asien an den Kommunismus zu "verlieren" – wie einst Truman und Acheson China "verloren" hatten.
Das hat zweifelsohne mit zum Vietnamkrieg beigetragen.

• Bürgerrechtsbewegung in der Armee: Die von Truman am 26. Juli 1948 unter-
zeichnete Executive Order 9981 – Gleichbehandlung und Chancengleichheit für alle, ohne Rücksicht auf Rasse, Hautfarbe, Religion oder Abstammung – wurde ansatzweise umgesetzt. Gab es anfangs in der Armee Einheiten, in denen ausschließlich Schwarze dienten, so wurden ab Oktober 1951 Schwarze in die Truppe integriert, ein Prozess, der 1954 abgeschlossen wurde.
• Durch den damals wohl populärsten Amerikaner, den Fünf-Sterne-General Douglas MacArthur, war es erstmals in der amerikanischen Geschichte zur Insubordination eines Militär gegenüber dem Präsidenten und damit zum Konflikt zwischen Militär und Politik gekommen. Auch wenn Truman nur "der Mann aus Missouri" und bei weitem nicht so populär war wie der General: Er war der Präsident und damit der Oberste Befehlshaber. Sein Befehl galt. Durch die Entlassung MacArthurs hatte der Präsident den Vorrang der politischen Führung vor der militärischen sicher gestellt.
• Der Koreakrieg war der erste Düsenjägerkrieg – MiG-15 gegen F-86. Er war auch der erste Hubschrauber-Krieg – der seine massive Fortsetzung im Vietnamkrieg fand.
Grundsätzliches:
26. Im Koreakrieg wurde zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal eine kom-munistische Hauptstadt – Pjöngjang – erobert. Es war gleichzeitig auch das erste und letzte Mal, dass Stalin bzw. seine Nachfolger mit dem Angriff gegen den Süden jene unsichtbare, bei Kriegsende 1945 gezogene Linie der beiderseitigen Einflusssphären überschritten. Das Gleiche galt auch für die USA, trotz der neuen "roll back"-Strategie, in der es um das Zurückdrängen des Kommunismus ging, die an die Stelle des "containment", der Eindämmung des Kommunismus, trat. Dass diese vom neuen US-Außenminister John Foster Dulles 1953 formulierte antikommunistische Befreiungspolitik nicht viel mehr war als aggressive Befreiungsrhetorik, die sich in der Praxis nicht wesentlich von der Politik Trumans unterschied, wurde damals nicht sogleich erkannt. Hoffnungen im Ostblock auf eine Befreiung vom Kommunismus mit Unterstützung der USA – 1953 in der DDR, 1956 Ungarn, 1968 Tschechoslowakei – wurden in der Folge enttäuscht. Konflikte wurden in der "Dritten Welt" ausgetragen: Lateinamerika (Kuba), Naher Osten (Israel), Afrika (Angola, Mozambique), Asien (Vietnam).

27. War der Kalte Krieg mit Gründung der NATO 1949 gleichsam "institutiona- lisiert" worden, so wurde er jetzt "organisiert". Durch den Koreakrieg erhielt er so etwas wie eine Organisationsstruktur, die im Prinzip bis an sein Ende, den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, galt. Der Koreakrieg war sozusagen die "formative Phase" dieses Krieges. Damit aber hat er den Lauf der Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst, wenn nicht sogar bestimmt.

28. Mit dem Koreakrieg begann im eigentlichen Sinne der Rüstungswettlauf zwi- schen Ost und West – der erst 1991 endete. Die Sowjetunion hatte von Anfang an keine ernsthafte Chance, diesen Wettlauf zu gewinnen. Man kann, wenn man will, so weit gehen und sagen, dass als ein Ergebnis des Koreakrieges die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor – als Ergebnis einer gigantischen Fehl- kalkulation auf Seiten Stalins im Frühjahr 1950 –, dieser Krieg aber auch den "langen Frieden" seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sicherte. Man könnte das auch "Pax Americana" nennen.

Kommen wir zum Koreakrieg als den "vergessenen Krieg". In den USA wurde dieser Krieg schon bald zum "vergessenen Krieg", der zwischen dem "guten" Zweiten Welt- krieg und dem "schlechten" Vietnamkrieg stand. Der Krieg war nie wirklich "populär" und daher kein Thema für "Bestseller" oder Spielfilme wie etwa der Zweite Weltkrieg oder Vietnam (es gibt nur einen sehenswerten Film: "Die Brücken von Toko-Ri", 1954 von Regisseur Mark Robson, mit William Holden) und wurde "vergessen". Das hat sich in den letzten Jahren geändert. (Von 1972 bis 1978 lief die populäre Serie M.A.S.H. im US-Fernsehen.) Als dann in Washington 1982 das Vietnam-Memorial eingeweiht wurde, organisierten sich Veteranen des Koreakrieges – unter ihnen so bekannte Namen wie der Schauspieler James Garner (mit drei Purple Heart-Auszeichnungen) und der Astronaut John Glenn (mit drei MiG-Abschüssen) und wurden bei Präsident Ronald Reagan und dem Kongress wegen eines Denkmals für den Koreakrieg vorstellig. Im Oktober 1986 erteilte der Kongress die Genehmigung zur Errichtung eines entsprechen- den Denkmals in der Nähe des Vietnam-Memorials. Ein Jahr später veröffentlichte Clay Blair sein Buch "The Forgotten War". Im Vorwort schreibt er, die USA hätten in ihrer Geschichte neun größere Kriege geführt, davon vier im 20. Jahrhundert, von denen Korea "ranks among the most important, yet the least remembered. To the several gene- rations born since it was fought, the ,Korean War' is little more than a phrase in history bodes." Und "there is no monument in Washington commemorating its valorous dead".

Das "Korean War Veterans Memorial" wurde am 27. Juli 1995, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Waffenstillstands 1953, eingeweiht. Auch wenn es wohl nicht so "attraktiv" ist wie das Vietnam-Memorial: Seit jener Zeit ist der Koreakrieg auch in den USA kein "vergessener" Krieg mehr. Man erinnert sich an ihn (auch ohne "Best- seller" und Spielfilme, dafür aber mit hervorragenden Darstellungen und zahlreichen Websites). "The Forgotten War Remembered" – wie eine Photoausstellung in den National Archives II in College Park in Maryland im Herbst 2005 hieß.

Zum Erinnern haben nicht nur solche Ausstellungen, das Memorial und Fernseh- serien wie M.A.S.H. beigetragen, sondern seit 1991 auch Konferenzen – mit russischen Zeitzeugen – sowie die Arbeiten von Historikern in den USA, die nach dem Ende des Kalten Krieges Möglichkeiten nutzen konnten, um Dokumente in Peking und Moskau einzusehen. Darüber hinaus überließ der russische Präsident Boris Jelzin 1994 Südkoreas Präsidenten Kim Young-Sam etliche sowjetische Dokumente, die Aufschluss über den Krieg gaben. Den Kollegen/innen in den USA – allen voran Kathryn Weatherby in Washington, D.C., die 1995 als erste sowjetische Dokumente in englischer Übersetzung vorlegte, William Stueck, Chen Joian, Shen Zhihua, Richard C. Thornton, Sergei N. Goncharow, John W. Lewis, Alexandre Y. Mansourov und Xue Litai – um nur die wichtigsten zu nennen – ist es zu danken, dass wir inzwischen sehr viel mehr über die Vorgeschichte dieses Krieges und seinen Verlauf bis hin zum Waffenstillstand 1953 wissen. Großes Verdienst kommt dabei in Washington dem Cold War International History Project unter Leitung von Dr. Christian F. Ostermann, dem Parallel History Project on NATO and the Warsaw Pact unter Prof. Vojtech Mastny und dem National Security Archive – u.a. William Burr – zu. Sie veröffentlichen immer wieder neue Dokumente, meistens zuerst – oder auch nur – im Internet. Die umfangreiche Website- Liste im Anhang macht deutlich, wie wichtig dieses Medium inzwischen gerade auch für die Geschichte des "neu entdeckten" Koreakrieges geworden ist.

Und dennoch: Larry Swindell beendet seinen Beitrag in Spencer Tuckers hervor- ragender Enzyklopädie (2002) mit folgendem Satz:

"A prevailing thought is that the great comprehensive book on the Korean War has not yet appeared. A possible cynical afterthought is that when it does appear, not enough people will take notice."

Kommen wir zu Deutschland.
Trotz seiner Bedeutung auch für Deutschland ist der Koreakrieg hier immer noch ein "vergessener Krieg". 1977 legte Gunther Mai eine gründliche Arbeit über diesen Krieg und die deutsche Wiederbewaffnung vor. Im Jahre 1980 habe ich mit meinem Kollegen Dr. Heribert Schwan vom Westdeutschen Rundfunk im Zuge einer größeren Fernsehproduktion in den USA Farbmaterial der U.S.-Air Force über den Koreakrieg gefunden. Wir haben daraus eine Dokumentation produziert, die 1980 in der ARD ausgestrahlt und sehr positiv beurteilt wurde. Erstmals hatten wir den globalen Aspekt des Krieges und seine Auswirkungen auf die Bundesrepublik dargestellt, was auch im Titel zum Ausdruck kam: "Drei Jahre, die die Welt bewegten. Koreakrieg und deutsche Wiederbewaffnung." Dagegen beschränken sich selbst die neueren US-Dokumentationen immer noch weitgehend auf die militärischen Aktionen in Korea. Aus Copyright-Gründen bei einer Filmsequenz konnte diese Dokumentation in den folgenden Jahren nicht wiederholt werden, was letztlich allerdings nur positiv war. Sie wurde dann nämlich zum 50. Jahrestag des Waffenstillstandes 2003 wieder ausgestrahlt, zu einem Zeitpunkt, an dem auf Fragen, die wir 1980 gestellt hatten, inzwischen klare Antworten gegeben werden konnten.

1981 veröffentlichte ich auf der Basis amerikanischer Dokumente, die ich mit Hilfe des Freedom of Information Act erhalten hatte, einen Aufsatz. 1985/86 folgten Bernd Bonwetsch und Peter Kuhfus mit Aufsatz und Dokumentation über die Sowjet- union und China in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte". 1989 erschien meine Studie über die westdeutsche Wiederbewaffnung. Gestützt auf freigegebene amerikanische und vor allem britische Akten hatte ich dort den Zusammenhang zwischen den Überlegungen von Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Entscheidung der Westmächte und dem Koreakrieg aufgezeigt. Aber das war es auch schon. Danach kam nichts mehr; Korea war weit weg. Das ändert sich jetzt allmählich – was wohl auch etwas mit der deutschen Wiedervereinigung und ihren Folgen zu tun hat. Man weist auf – mögliche – Parallelen beider Länder hin. So wurde 2004 vom Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung in Potsdam (Prof. Dr. Christoph Kleßmann) und vom National Institute of Korean History in Gwacheon, Südkorea (Prof. Dr. Mahn-Yol Yi) eine erste Konferenz in Seoul organisiert. Eine zweite folgte im Oktober 2005 in Potsdam über die "Folgen des Koreakrieges", auf der über Wahrnehmungen, Wirkungen und die Erinnerungskultur in Europa und Korea mit Kollegen aus Südkorea diskutiert wurde.

Alles, was über das Vergessen gesagt wurde, trifft auf ein Land nicht zu: Korea. In Korea – Nord wie Süd – hat man den Krieg mit seinem Elend nie vergessen, auch wenn er nach wie vor unterschiedlich interpretiert wird. Dort heißt er nur der "25. Juni". Es gibt zahlreiche "Erinnerungsorte", Denkmäler und Museen. In Pjöngjang gibt es ein riesiges "Befreiungsmuseum", in Südkorea allein 1500 (!) Denkmäler, davon 300 staatlich organisierte. Der 15. August – Japans Kapitulation 1945 – ist Nationalfeiertag in beiden Koreas. Ansonsten gibt es wenig Gemeinsamkeiten.

Seit 1953 gleicht die entmilitarisierte Zone einer unüberwindbaren Todeszone. Anders als im geteilten Deutschland gab es kein West-Berlin im Norden, der sich so beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit – erst unter Kim Il Sung, seit 1994 unter dessen Sohn Kim Jong Il – zu einer kommunistischen Diktatur der besonderen Art entwickelte, mit einer Million Soldaten und einem Atomprogramm, das die Welt lange Zeit beunruhigt hat (und immer noch beunruhigt). Gleichzeitig (ver)hungern seine Bewohner.

US-Präsident George W. Bush zählt Nordkorea zur "Achse des Bösen", China schaut eher mitleidig auf dieses Land und macht lieber Geschäfte mit Südkorea, das zu einem führenden Industriestaat Asiens aufgestiegen ist. An eine Wiedervereinigung in nächster Zukunft ist wohl nicht ernsthaft zu denken, trotz zaghafter Annäherungsversuche. Immerhin wird es bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking erstmals eine gesamtkoreanische Mannschaft geben.

 

(Vortrag auf der internationalen Konferenz "Korea – der vergessenen Krieg" in Moskau, 26./27. 1. 2007, organisiert vom Deutschen Historischen Institut Moskau und dem Militärgeschichtlichen Institut, Potsdam.
In: Bernd Bonwetsch/Matthias Uhl (Hrsg.), Korea – ein vergessener Krieg? Der militärische Konflikt auf der koreanischen Halbinsel 1950 – 1953 im internationalen Kontext, München 2012, S. 177–182)